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Peru wählt – und weiß nicht wen

Peru wählt – und weiß nicht wen

27 Millionen Peruaner mussten gestern zur Urne. Wahlpflicht zwingt sie hin, Politikverdrossenheit hält sie zurück. Ein Land im Dauerchaos sucht seinen zehnten Präsidenten in einem Jahrzehnt – ohne Favoriten, ohne Hoffnung, mit Alkoholverbot.

Peru ist an diesem Sonntag Pflichtdemokratie in Reinform. 27,3 Millionen Bürger zwischen 18 und 70 Jahren sind gesetzlich verpflichtet, ihre Stimme abzugeben – wer fehlt, riskiert Bußgelder und blockierte Behördengänge. Dass sie trotzdem mehrheitlich ohne Überzeugung erscheinen, sagt mehr über den Zustand des Landes als jede Umfrage.

35 Kandidaten, kein Favorit

Offiziell stehen 35 Präsidentschaftskandidaten auf dem Stimmzettel – ein Rekord, der den Wahlzettel auf fast einen halben Meter Länge treibt und die TV-Debatte auf drei Tage gestreckt hat. Keiner von ihnen geht als klarer Favorit ins Rennen. In den letzten Umfragen vor der gesetzlich vorgeschriebenen Nachrichtensperre führte Keiko Fujimori, Tochter des von 1990 bis 2000 autoritär regierenden Alberto Fujimori, mit 15 bis 18 Prozent der gültigen Stimmen – ein magerer Spitzenwert bei dieser Kandidatendichte. Dahinter drängen sich der ultrakonservative Ex-Bürgermeister von Lima, Rafael López Aliaga – bekannt als „Porky“, Opus-Dei-Anhänger und laut Medien „peruanischer Bolsonaro“ – sowie der Fernseh-Komiker Carlos Álvarez, der sich selbst als peruanischen Bukele bezeichnet und die Todesstrafe wieder einführen will.

Dass ausgerechnet ein Kabarettist zu den ernsthaften Kandidaten zählt, ist kein Zufall. Es ist das Symptom eines politischen Systems, das sein Vertrauen vollständig verspielt hat.

Ein Staat, der mit drin hängt

Seit zehn Jahren hat kein peruanischer Präsident seine Amtszeit regulär beendet. Vier Ex-Staatschefs sitzen im Gefängnis, verurteilt wegen Korruption. Mehr als 150 Minister wurden wegen Unfähigkeit ausgetauscht. Zuletzt wurde im Februar 2026 sogar der Übergangspräsident José Jerí vom Kongress abgesetzt – wegen nicht deklarierter Treffen mit einem chinesischen Unternehmer unter staatlicher Beobachtung. Sein Nachfolger José María Balcázar, 83 Jahre alt, führt das Land seither kommissarisch in die Wahl.

Der Politikwissenschaftler Fahrid Kahhat von der Päpstlichen Katholischen Universität Perus bringt es auf den Punkt: Der Kongress habe das politische System in einen autokratischen Parlamentarismus verwandelt. Es gebe keine echten Parteien mehr – sie seien eher wie Leihmütter, die sich anbieten, Kandidaten aufzustellen, manchmal auch aus dem Milieu des illegalen Goldbergbaus, und dann deren Interessen gesetzgeberisch bedienen. Im Volksmund heißt das Machtkartell schlicht „Pacto Mafioso“.

Kriminalität als Wahlkampfthema Nr. 1

Was die Menschen wirklich bewegt, ist die Gewalt. Busfahrer, Händler, Schulen – alle zahlen Schutzgeld. 2025 wurden über 200 Fahrer öffentlicher Verkehrsmittel ermordet. 84 Prozent der Stadtbevölkerung fürchten laut staatlicher Statistik, im kommenden Jahr Opfer einer Straftat zu werden. Unter den Jungwählern – immerhin ein Viertel des Elektorats – nennen 61 Prozent Korruption als größtes Problem des Landes, 44 Prozent die Kriminalität.

Die politische Antwort darauf ist entsprechend grobschlächtig: Gefängnisse im Dschungel, bewacht von Giftschlangen. Todesstrafe. Militär auf den Straßen. Wer eine harte Hand verspricht, hat Zulauf – nicht weil die Menschen autoritären Lösungen vertrauen, sondern weil sie dem Staat überhaupt nicht mehr vertrauen.

Wen wählt Peru?

Das Elektorat spiegelt das Land: Jeder zweite Wähler ist unter 40. Knapp 2,5 Millionen gehen heute zum ersten Mal zur Urne. Gut drei Viertel der Erstwähler haben nur einen Sekundärschulabschluss. Lima allein stellt fast ein Drittel aller Stimmen – ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen Hauptstadt und dem vernachlässigten Andenhochland, das Wahlen seit Jahrzehnten prägt.

Da kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichen dürfte, ist eine Stichwahl am 7. Juni nahezu sicher. Zum ersten Mal seit über drei Jahrzehnten wählen die Peruaner dabei auch wieder einen Senat – 60 Senatoren neben 130 Abgeordneten. Die Wiedereinführung des Zweikammersystems gilt als strukturelle Antwort auf die Leichtigkeit, mit der bisherige Kongresse Präsidenten absetzen konnten.

Ley Seca: Kein Alkohol am Wahlwochenende

Begleitet wird die Wahl von der sogenannten „Ley Seca“: Seit Samstag, 8 Uhr morgens, bis Montag früh ist der Alkoholverkauf landesweit verboten. Bars und Spirituosenläden bleiben geschlossen, Supermärkte dürfen keinen Alkohol verkaufen. Verstöße können mit Geldstrafen und bis zu sechs Monaten Haft geahndet werden. Die Regel gilt seit 1995 per Wahlgesetz – und sie gilt auch für Ausländer.

Der Wunsch vieler Peruaner

Viele Peruaner wissen bis zuletzt nicht, wem sie ihre Stimme geben sollen. Der Wunsch, der sich in Gesprächen immer wieder aufdrängt, klingt simpel und ist es nicht: Alle raus, neue rein. Saubere Leute ohne Vorstrafen.